- Bundestagsanalysen
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Staatssekretär Brandenburg! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Wer von Ihnen spricht fließend Englisch? Und auf welchem Weg haben Sie diese guten Kenntnisse erworben? Lag es an Ihrem schulischen Unterricht? Haben Sie vielleicht ein Schuljahr oder ein Studiensemester im Ausland verbracht? Wurde und wird in Ihrem beruflichen Umfeld viel Englisch gesprochen? Ist die Unternehmenssprache in Ihrem Betrieb Englisch? Schauen Sie Filme ausschließlich in synchronisierter Fassung oder im Original? Lesen Sie englischsprachige Bücher?
Im Elitenmonitor, den der Ostbeauftragte Carsten Schneider gemeinsam mit den Studienautoren in dieser Woche vorgestellt hat, werden fehlende Englischkenntnisse als ein Grund genannt, warum die meisten Führungspositionen nach wie vor mit Westdeutschen besetzt sind. Fehlende Englischkenntnisse können demnach ein Karrierehindernis sein. Sie sind ein Grund, warum man sich auf bestimmte Stellen nicht bewirbt. Damit schließen sich Türen.
Fehlende Sprachkenntnisse können für Schweißperlen im beruflichen Alltag sorgen, für ein geringeres Selbstbewusstsein und für Schamgefühle. Sie sind nur teilweise auf den Schulunterricht zurückzuführen. Dennoch ist es wichtig, hier eine gute Basis zu legen. Es gehören jedoch weitere entscheidende Bausteine hinzu, sich sicher – verhandlungssicher – sprachlich bewegen zu können. Um später Defizite aufzuholen, braucht es Motivation, Zeit, Lerngelegenheiten und Fortbildungen. Vor allem braucht es jedoch Offenheit und Mut, es anzusprechen, um es dann angehen zu können. Schreib dich nicht ab. Lern Englisch!
Vor dem Hintergrund unseres heutigen Themas sage ich: Es ist nur Englisch. In dieser Debatte geht es nämlich um die deutschsprachigen Erwachsenen, die nicht oder nur auf geringstem Niveau lesen und schreiben können. Davon betroffen sind rund 6,2 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren. 76 Prozent von ihnen haben einen Schulabschluss. Für über die Hälfte von ihnen ist Deutsch die Herkunftssprache. Über 45-jährige Erwachsene machen den größeren Teil der gering Literalisierten aus. 62 Prozent der Betroffenen sind erwerbstätig; sie üben häufig einfache Tätigkeiten aus. Wie viele von ihnen werden sich manchmal schämen und ausgebremst oder gar wie Hochstapler fühlen?
Ich wollte in meiner Einleitung deutlich machen, dass die Gründe für die geringen schriftsprachlichen Kompetenzen komplexerer Natur sind. Dass Menschen nicht ausreichend lesen und schreiben können, ist nicht monokausal und eindimensional auf schlechte Schulförderung zurückzuführen. Dennoch ist die Schule zentral, und dass wir hier dringenden Handlungsbedarf haben, ist unbestritten; auch der Bericht weist in seinem Ausblick explizit darauf hin. Genau deshalb realisieren wir mit dem Startchancen-Programm ein Stück Zukunft.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP)
Es ist jedoch genauso wichtig, dass die Bundesregierung den gering literalisierten Erwachsenen auch künftig neue Bildungschancen eröffnen wird. Daher danke ich Ihnen, Herr Staatssekretär, für Ihre ausführliche Darstellung des zweiten Berichts über die Fortschritte der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung, kurz AlphaDekade. Und ich danke vor allem den Partnern, mit denen das BMBF und das Familien- und Arbeitsministerium zusammenarbeiten, darunter der Deutsche Volkshochschul-Verband, die Arbeitsgemeinschaft der Bildungswerke der Deutschen Wirtschaft, der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Stiftung Lesen.
Richtigerweise unterstützt das Bundesinstitut für Berufsbildung als Koordinierungsstelle die Umsetzung der drei großen BMBF-Förderschwerpunkte. Uns als SPD-Fraktion liegt vor allem die Förderung von Entwicklungs- und Transfervorhaben im Bereich der arbeitsorientierten Alphabetisierung und Grundbildung sehr am Herzen. Gerade die Arbeitswelt ermöglicht einen guten Zugang zur Zielgruppe. Hier kommt es auf das Engagement von Geschäftsleitung und Mitbestimmungsgremien an.
Die gemeinsame Anstrengung von Bund, Ländern und zivilgesellschaftlichen Akteuren lohnt sich. Die Zahlen derjenigen mit sehr geringer Lese- und Schreibkompetenz sind im Vergleich zu 2010 zurückgegangen. „Was? Du kannst nicht lesen? Da muss man was machen. Schreib dich nicht ab. Lern lesen und schreiben!“ Dieser Werbefilm hat damals viele erreicht und berührt. Bereits jetzt, aber auch in Zukunft müssen wir uns stärker um die Menschen kümmern, –
Frau Kollegin, kommen Sie zum Schluss, bitte. Sie können ja lesen, nicht?
– die in ihrer Zweitsprache Deutsch gering literalisiert sind. Dafür braucht es einen neuen Werbefilm. Das sage ich in Richtung der rechten Seite des Hauses.
Vielen Dank.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP)
Vielen Dank, Frau Kollegin. Ich bitte vielmals um Entschuldigung.
Bevor ich die nächste Rednerin aufrufe, will ich darauf hinweisen: Wenn wir noch drei Kolleginnen und Kollegen finden, die bereit wären, ihre Reden zu Protokoll zu geben im Laufe des heutigen Abends, dann kommen wir vor 2 Uhr nach Hause.
Beifall bei Abgeordneten der FDP)
Das ist eine echte Anstrengung.
Nächste Rednerin ist die Kollegin Nicole Höchst, AfD-Fraktion.
Beifall bei der AfD)