Einfluss von Konturen auf Schönheit und emotionale Erfahrung in der Gestaltung von Innenräumen
By Pohlmann, Kira
Wohnzimmer in Virtueller Realität
Bei diesem Exponat handelt es sich um eine virtuelle Umgebung, die mit der Entwicklungsumgebung Unity erstellt wurde. Die virtuelle Umgebung besteht aus einem großen Gebäude, welches insgesamt 10 Räume enthält. 5 unterschiedliche Wohnzimmer wurden erstellt, jedes in einer Variante mit Möbelstücken mit ausschließlich runden Konturen und in einer Variante mit Möbelstücken mit ausschließlich eckigen Konturen. Mithilfe dieser virtuellen Umgebung wurde eine Studie mit 33 Probanden durchgeführt, bei der untersucht wurde welchen Einfluss runde und eckige Konturen auf Emotionen, ästhetische Wahrnehmung und Kognition haben.
Runde und Eckige Konturen
In der Literatur ist eine Präferenz für runde Objekte allgemein bekannt, sodass runde Objekte entsprechend eher als “schön” bewertet werden im Vergleich zu eckigen oder kantigen Objekten1. Palumbo und Bertamini2 behaupten, dass dies daran liegt, dass runde Konturen einfach “pre se” mehr gemöcht werden, was sie den “Curvature Effect” nennen. Bar und Neta3 führten eine Studie durch, bei der sie Probanden Bilder von Gegenständen mit runden, eckigen oder runden und eckigen Konturen zeigten, während diese in einem Magnetresonanztomografen (MRT) lagen. Sie konnten zeigen, dass eckige Konturen eine höhere Amygdalla Aktivität hervorrufen im Vergleich zu runden Konturen. Die Amygdalla spielt u.a. bei der Angstverarbeitung ein Rolle. Bar und Neta argumentieren daher, dass eckige Gegenstände wie beispielsweise ein Messer oder eine scharfe Kante durchaus Gefahr bergen und diese daher implizieren können.
Um zu überprüfen, ob sich diese Annahmen auch auf die Gestaltung von Innenräumen übertragen lassen, führten Vartanian et al.4 ebenfalls eine MRT-Studie durch. Diesmal sahen die Probanden Bilder von Wohnzimmern, die entweder Möbel mit eckigen Konturen hatten oder Möbel mit runden Konturen. Auch hier wurden die Wohnzimmer mit runden Möbeln als “schöner” bewertet. Jedoch konnte keine höhere Amygdalla Aktivität für die eckigen Konturen nachgewiesen werden.
Virtuelle Umgebung
Wenn man die Studie von Vartanian et al.4 genauer betrachtet fällt auf, dass die Probanden die Wohnzimmer nur anhand von Bildern bewertet haben. Um die Immersion und die Aussagekraft der Bewertungen zu erhöhen, wurden für diese Studie Wohnzimmer in virtueller Realität (VR) gezeigt. Dies ermöglicht es den Probanden die Wohnzimmer zu betreten und aus verschiedenen Winkeln zu betrachten. Für die Umsetzung dieser Idee wurden 5 verschiedene Wohnzimmer in VR konstruiert, jeweils mit eckigen und runden Konturen. Die Wohnzimmer waren Teil eines größeren Gebäudes, sodass alle Räume durch einen langen Flur in der Mitte des Gebäudes verbunden waren.
Die Möbel, die genutzt wurden, um die Wohnzimmer einzurichten sind 3d-Objekte aus dem Unity Asset Store. Die Möbelstücke wurden dann in ihrer Größe, ihren Proportionen, ihrer Farbe und ihren Materialien angepasst, sodass sie möglichst identisch zum jeweiligen Gegenstück (Möbelstück mit entgegengesetzter Kontur) sind. Auf diese Art wurden die beiden Konditionen (rund und eckig) für alle 5 Räume implementiert.
Hypothesen
- Probanden erachten Räume mit runden Konturen als schöner und angenehmer als Räume mit eckigen Konturen.
- Probanden halten sich länger in den Räumen mit runden Konturen auf und teleportieren dort öfter verglichen mit den Räumen mit eckigen Konturen
- Probanden schneiden in der Erinnerungsaufgabe besser für die Räume mit runden Konturen ab als für die Räume mit eckigen Konturen.
Studie
33 Probanden nahmen an der Studie teil und erkundeten nacheinander alle 10 Räume in VR. In jedem Raum konnten sie sich so lange aufhalten wie sie wollten, ihnen wurde jedoch gesagt, dass sie im Anschluss eine Erinnerungaufgabe machen sollen. Daher sollten die Probanden die Räume aufmerksam erkunden und sich auch einige Details einprägen. Nach jedem Raum wurden Fragen zur emotionalen Erfahrung, Schönheit und Präsenz gestellt (Franz Skala5 und Vecchiato Skala6). Ein beispielhafter Ablauf der Studie wird im Video gezeigt. Zunächst durften sich die Probanden jedoch mit der Umgebung in einer Übungsszene vertraut machen, bei der sie einfach einen leeren Raum erkunden sollten. Während des gesamten Aufenthaltes in VR wurde die Hautleitfähigkeit und der Puls der Probanden gemessen. Außerdem wurde die Zeit gestoppt, wie lange die Probanden sich jeweils in den Räumen aufhielten und wie oft sie in diesen teleportierten, also ihren Standort und damit ihre Perspektive wechselten. Nach der Erkundung der Räume in VR, mussten die Probanden die Erinnerungsaufgabe machen, bei der sie Screenshots der Wohnzimmer sahen, die entweder manipuliert waren oder nicht. Bei den manipulierten Bildern, waren ein bis drei Objekte in ihrer Repräsentanz, Farbe oder Position verändert. Die Probanden sollten jeweils angeben, ob das Bild, welches sie sahen, maipuliert wurde oder nicht. Abschließend wurden die Probanden noch nach ihrer eigenen Wohnumgebung gefragt, insbesondere, ob sie mehr eckige oder runde Möbel in ihrem eigenen Wohnzimmern haben.
Ergebnisse
Bei den Fragen zu Schönheit und Freunde konnten keine signifikanten Unterschiede bezüglich der Kontur gefunden werden, sodass die 1. Hypothese nicht angenommen werden konnte. Bei der Aufenthaltdauer in den Räumen und der Anzahl and Teleportationen in den Räumen gab es ebenfall keine signifikanten Unterschiede bezüglich der Kontur, sodass auch die 2. Hypothese abgelehnt werden musste. Auch die 3. Hypothese musste abgelehnt werden, da es ebenfalls keine sigifikanten Unterschiede bezüglich der Kontur bei der Erinnerungsaufgabe gab.
Signifikante Unterschiede konnten jedoch für einige Fragen der Franz Skala gefunden werden:
- Interessantheit: Die Räume mit runden Konturen wurden signifikant höher bezüglich der Interessantheit der Räume bewertet.
- Normalität: Die Räume mit eckigen Konturen wurden signifikant höher auf der Skala für Normalität bewertet.
- Ruhe: Die Räume mit eckigen Konturen wurden als ruhiger bewertet.
Die folgenden Grafiken zeigen jeweils das Ergebnis einer zweifachen ANOVA mit Messwiederholungen für Kontur.
Signifikante Unterschiede wurden ebenfalls bei zwei Fragen der Vecchiato Skala gefunden:
- Neuartigkeit: Die Räume mit runden Konturen wurden als neuartiger bewertet.
- Präsenz: Die Räume mit runden Konturen wurden höher bewertet bei der Frage wie sehr man das Gefühl hat tatsächlich in dem Raum gewesen zu sein.
Auch hier zeigen die Grafiken die Ergebnisse einer zweifachen ANOVA mit Messwiederholungen für Kontur an.
Diese Ergebnisse stimmen im Allgemeinen gut mit dem überein, was die Probanden über ihre eigenen Wohnzimmer angegeben haben. Nur 4 Probanden gaben an mehr Möbelstücke mit runden Konturen in ihrer Wohnumgebung zu besitzen. Daher ist es nicht überraschend, dass die eckige Kondition als normaler angesehen wird, während die runde Kondition als neuartiger angesehen wird. Möglicherweise führt die dauerhafte Präsentation eckiger Konturen im Alltag dazu, dass sich eine Präferenz für runde Konturen, wie oben beschrieben, nicht auf Elemente in der Innenraumeinrichtung übertragen lassen. Eine Erklärung hierfür könnte der “Mere Exposure” Effekt sein7. Da diese Studie jedoch einige Limitationen in der Gestaltung der virtuellen Umgebung aufzuweisen hat, müssen weitere Studien durchgeführt werden, um weitere Schlüsse ziehen zu können.
Limitationen
Einige Aspekte in der Gestaltung der virtuellen Umgebung sollten verbessert werden, um die Wohnzimmer noch realistischer zu gestalten:
- Licht
- Proportionen der Möbelstücke
- Möbelstücke mit ausschließlich runden bzw. eckigen Konturen
- Details, wie beispielsweise Fußleisten, Steckdosen und Lichtschaltern
Zusammengefasst konnte durch dieses Exponat nicht gezeigt werden, dass es eine Präferenz bezüglich runder Konturen bei der emotionalen Erfahrung und ästhetischen Wahrnehmung gibt. Genauso wenig konnte gezeigt werden, dass sich Pobanden länger in Räumen mit runden Konturen aufhalten oder sich besser an Details aus Räumen mit runden Konturen erinnern können. Jedoch konnte gezeigt werden, dass runde Konturen als interessanter und neuartiger bewertet werden, wohingegen eckige Konturen als normaler und ruhiger angesehen werden. Zukünftige Studien sollten versuchen die Räume noch realistischer zu gestalten, um dadurch die Immersion weiter zu erhöhen.
-
Bar, M., & Neta, M. (2006). Humans prefer curved visual objects. Psychological science, 17(8), 645-648. ↩︎
-
Palumbo, L., & Bertamini, M. (2016). The curvature effect: A comparison between preference tasks. Empirical Studies of the Arts, 34(1), 35-52. ↩︎
-
Bar, M., & Neta, M. (2007). Visual elements of subjective preference modulate amygdala activation. Neuropsychologia, 45(10), 2191-2200. ↩︎
-
Vartanian, O., Navarrete, G., Chatterjee, A., Fich, L. B., Leder, H., Modroño, C., … & Skov, M. (2013). Impact of contour on aesthetic judgments and approach-avoidance decisions in architecture. Proceedings of the National Academy of Sciences, 110(Supplement 2), 10446-10453. ↩︎
-
Franz, G. (2005). An empirical approach to the experience of architectural space (Doctoral dissertation, Bauhaus-Universität Weimar, Germany). ↩︎
-
Vecchiato, G., Tieri, G., Jelic, A., De Matteis, F., Maglione, A. G., & Babiloni, F. (2015). Electroencephalographic correlates of sensorimotor integration and embodiment during the appreciation of virtual architectural environments. Frontiers in psychology, 6, 1944. ↩︎
-
Marks, I., & Dar, R. (2000). Fear reduction by psychotherapies: Recent findings, future directions. The British Journal of Psychiatry, 176(6), 507-511. ↩︎