Vielen Dank. – Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! 6,2 Millionen erwachsene Menschen in Deutschland können nicht ausreichend lesen und schreiben; viele davon, etwa zwei Drittel, gehen übrigens einer Erwerbstätigkeit nach. Das ist nicht nur für uns als Gesellschaft eine große Herausforderung, sondern vor allen Dingen für diese Menschen selbst eine riesengroße Freiheitseinschränkung, weil ihnen große Teile der gesellschaftlichen Teilhabe vorenthalten werden. Da geht es nicht nur um den Zugang zu Belletristik, sondern um ganz lebensnahe Alltagsfragen wie beispielsweise den Busfahrplan zu lesen und zu verstehen. Denn oftmals können diese Menschen einzelne Wörter erkennen oder vielleicht auch kurze Sätze, aber eben gerade längere Texte oder kompliziertere Zusammenstellungen nicht sinnerfassend verstehen. Das fängt beim Busfahrplan an, geht über Rezepte und Beipackzettel bei Medikamenten bis hin zur gesellschaftlichen, politischen Teilhabe. Es geht darum, ob man letztendlich die Fähigkeit besitzt, sich aus unabhängigen Quellen selbst zu informieren, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese unabhängig, eigenständig und selbstbestimmt zu artikulieren. Diese Freiheitseinschränkung erleben 6,2 Millionen erwachsene Menschen in Deutschland. Das zu ändern, ist eine Aufgabe von uns allen. Deshalb gibt es aus guten Gründen die AlphaDekade des Bundes gemeinsam mit den Ländern und 17 Partnerorganisationen, um in die Alphabetisierung und Grundbildung erwachsener Menschen zu investieren. Ein Bericht der Bundesregierung zu den Fortschritten der letzten Jahre liegt heute zur Beratung vor. Ich möchte nicht alle Maßnahmen aufzählen, aber exemplarisch zeigen, worum es geht. Es gibt zum Beispiel viele Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, die auch von unserem Haus, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, gefördert werden. Das ist beispielsweise das sehr erfolgreiche VHS-Lernportal mit 1,6 Millionen Erwachsenen, die sich dort registriert haben, es regelmäßig vor und nach Integrationskursen nutzen, sich in der deutschen Sprache fortbilden und das Lesen und Schreiben lernen. Wir fördern die Informationskampagne „Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“, aber auch das ALFA-Mobil, mit dem wir Menschen vor Ort aufsuchen – dort, wo sie anzutreffen sind –, sie aufklären und ihnen Informations- und Fortbildungsangebote vermitteln. Gerade in diesem Jahr wurde die neue Förderrichtlinie „Grundbildungspfade“ aufgelegt, um ganz gezielt dazu beizutragen, in den Regionen vor Ort nachhaltige Strukturen zur Grundbildung Erwachsener aufzubauen. Dass das eine große Aufgabe für die nächsten Jahre sein wird, lassen die Entwicklungen vermuten, nicht nur in Bezug auf die Zuwanderung, sondern auch im Hinblick auf die fatalen Folgen der monatelangen Schulschließungen. Gerade deshalb sollten wir nicht nur weiter in die Grundbildung und Alphabetisierung der Erwachsenen investieren, sondern auch Vorsorge treffen – ich spreche das aus aktuellem Anlass heute an –, insbesondere mit dem Startchancen-Programm. Wir haben jetzt erfreulicherweise zwischen Bund und Ländern wesentliche Eckpunkte für dieses großartige Programm vereinbart. 2 Milliarden Euro jedes Jahr für zehn Jahre, insgesamt 20 Milliarden Euro werden wir zur Verfügung stellen. Und nicht nur Lesen, gerne auch Zuhören an der Stelle: Es ist ein Programm, das ganz bewusst insbesondere die basalen Kompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen in den Fokus stellt, also junge Menschen darauf vorbereitet, die Kompetenzen, die sie später im Erwachsenenleben brauchen, zu erwerben. Ja, Lesen macht Freude. Das gilt nicht nur für Berichte der Bundesregierung oder Plenarprotokolle, das gilt auch für den einen oder anderen guten Roman, den Sie alle hoffentlich in der Freizeit lesen können. Ich freue mich sehr auf die Debatte und die gemeinsame Arbeit an der Alphabetisierung und Grundbildung. Vielen Dank.